Ich habe das Glück, unabhängiger Arbeiter zu sein; all meine Freizeit zu haben und es ließ mir gänzlich die Wahl meiner Reisedaten. Aber einige äußere Bedürfnisse begrenzten in der Tat diese Wahl.
Das Jahr 1993 war ein heiliges Jahr, denn der Festtag des heiligen Apostel Jakobus, der 25. Juli fiel auf einen Sonntag, was auch bedeutete, daß eine Menge Pilger aus aller Welt auf den Wegen wäre, und je näher an der Kathedrale in Galizien und je weiter der Monat Juli vorrückt. Mit meinem Esel schaute ich diesen Pilgerfluten skeptisch entgegen, denn ich fühlte mich in diesen Massen verloren. Ich liebe die Einsamkeit der Wege, die Masse verdirbt mir das Vergnügen.
Es war mir also wichtig, möglichst vor dem Hochsommer in Santiago de Compostela anzukommen. Zumal die Monate Juli und August auf den Hochebenen Spaniens sehr sonnig und bevölkert sind. Allein die königliche Herrschaft der Sonne, die sich bemüht, alles aus ihrem Terretorium zu verbannen, was man im Schatten ihrer Kraft machen konnte. Und außerdem kann mein kleiner Esel sich nicht nur mit staubigem Gras zufrieden geben. Er muss jeden Tag grasen. Und Wasser braucht er ziemlich oft.
Andererseits, wer es wünscht ab der schönen Stadt Puy im Herzen von Auvergne zu wandern darf nicht zu früh im Frühling zu starten, denn die Überquerung des französischen Zentralmassifs könnte sich als riskant erweisen. Ich erinnere mich an den unvergesslichen Schneesturm am 15. Mai in Auvergne auf einer früheren Wander-ung. Und die mit Schnee überzogenen Landschaften am Ende des Winters sind zu melancholisch, ohne zu erwähnen, dass der Esel nichts zu grasen hat, wenn das Gras noch nicht einmal die Zeit gehabt hat, nachzuwachsen. Ich stecke also in der Zwickmühle, fehlendes Gras im Winter im französischen Zentral-massif oder fehlendes Gras im spanischen Sommer.
Diese Daten ließen mir einen ziemlich begrenzten Spielraum. Nach einem Beratungsgespräch meines bekannten Vorgängers, legte ich das endgültige Datum meiner Abreise fest: Montag, der 26. April, frühmorgens vor der Kathedrale in Puy. Wann mein Ankunftsdatum in den ersten Tagen des Juli sein wird, - na mein Glaube - das könnte nur Gott, der Heilige Jakobus, mein Esel und meine Schuhe wissen. Diese Wahl erwies sich schließlich als gut, denn ich bin mit knapper Not an einem Tag einem Schneesturm in Auvergne entkommen und ich fand Gras und Wasser im Überfluß entlang der ganzen Strecke bei einer erträglichen Temperatur, alles in allem zumutbar für den Esel und seinen Herrchen.
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