Donnerstag, 5. Februar 2009

Einleitung

Saint-Jacques-de-Compostelle...
Santiago de Compostela...
Der Weg auf dem Sternenfeld...
Es ist ein mythischer Ort, den sehr wenige Leute auf der Europakarte kennen. Fast die ganze rechtschaffende Welt kennt den Namen und dennoch fragt sich die riesengroße Mehrheit des Westvolkes wirklich, um was es sich in diesem Bericht handelt..., worum es sich dreht...
Man erinnert sich, im Erinnerungsnebel der schulischen Kenntnisse, sehr vage an Jakobsmuscheln, die bestimmte Pilger um den Hals trugen, die man in den Rosenkränzen auf den Giebeln zahlreicher Kirchen und Kathedralen und sogar an bestimmten Tankstellen eines großen holländischen Mineralölkonzerns wiederfindet...
Aber das Leben zieht an einem vorbei, mit seinem Zug der Freude und Kummer, die Gemeindeschule, die Freunde, die ersten Freundinnen, die Hochzeit, die Kinder, welche wachsen, die Älteren, welche uns verlassen, die monatlichen Raten des Eigenheims, die Ferien auf der Insel Ré...
Dann, in diesem Ozean der Ereignisse, welche die Existenz glücklicher oder unglücklicher kleiner Wellen überschwemmen, Saint-Jacques-De-Compostelle, was es die armen Leute wirklich zu erledigen haben... Ist das ein Wintersportplatz, die Kralle eines Modeschöpfers, eine beliebte Gaststätte, einer kalifornische Rockgruppe? Man stellt sich die Frage gar nicht... Außer einigen Bekloppten der lachen alle die Geschichte aus...
Also wie kommt es, dass selbst ich es mache, so demütig, wie ich bin, ein Bürger des süßen Frankreichs, sterblicher Vendée-Bewohner alten Ursprungs, ich hatte seit jeher eine besondere Vorliebe für diese Vokabel, dessen Anziehungskraft geheim ist, ohne die Bedeutung und den Ursprung zu kennen? Warum habe ich auch an dem Morgen, wie Millionen andere, den Weg von Saint-Jacques-De-Compostelle genommen?
Es ist eben eine sehr lange Geschichte. Ich, der glücklich ist, sie euch zu erzählen, die ihr so freundlich ward, eure Aufmerksamkeit auf diese bescheidene Arbeit zu lenken. Zuerst, Jacques, das ist mein Vorname. Der Begleiter von Jesus, Fischer des Sees bei Tiberiade, ich, der diesen mit Familiennamen vererbt hat, kann also nur meine spontane Symathie haben. Außerdem hat er diesen Ort gewählt - " Compostelle ", um da seine Gebeine ruhen zu lassen, was beweist, dass dieser Ort verehrungswürdig ist.
Aber es gibt einen weiteren Grund für mein Interesse für Santiago. Es geht auf die Grundschule zurück, in der alle kleinen Jungen wie ich, auf den Holzbänken die Geschichte Frankreichs und der Könige Frankreichs lernten. Diese mittelalterliche Zivilisation faszinierte mich buchstäblich. Ich liebte innig die Burgen, die mit den Mauern umgebenen Städte, die Ritter, die Kreuzzüge in Palästina, die Erzählungen des Mutes und der Kämpfe, die tiefen Wälder. Guesclin, die Ritterschläge, die Turniere, kolorierte Pergamente...
Trotz weniger Fälle, die man im Zusammenhang dieser Zeit in den Schulbüchern nannte, sprach man jedoch in einigen Zeilen über diese geheimnisvolle Wallfahrt, über diese Millionen Verrückte, die auf ihre Schulter einen Bettelstab legten, eine Muschel an ihre Hut nähten und zu Fuß, in allen Jahreszeiten, Monate lang, von Unterkunft zu Unterkunft gingen, um sich genau nach Santiago de Compostela zu begeben. Und das war alles....
Wo war Compostela? Wer war der heilige Jakobus? Wie war dieser Palästinenser dort, in den feinen Boden von Galicien gekommen? Warum gingen die Pilger dorthin? Wer kehrte in Abwesenheit dieser Leute deren Haus? Was aßen sie unterwegs? Wieviel Geld nahmen sie auf dem Weg mit? Wo schliefen sie? Das alles wurde in den nichtssagenden Texten der Geschichtsbücher vollständig weggelassen.
Diese Frage ließ mich lange Stunden träumen. Warum zum Teufel erklärte man sich uns nicht alles? Warum wurde die Geschichte Frankreichs dieser Zeit langweilig zusammengefasst? Man lehrte den Schülern die Schlacht von Marignan, aber man sagte nichts über die Farbe der Käse dieser Epoche, und erklärte auch nicht, ob die Abroller des Toilettenpapiers rechts oder links herum funktionierten, es gab noch nicht einmal Toilettenpapier...
Dann ist das erwachsene Leben, es ist mit seinem Gewinn der alltäglichen Sorgen gekommen, als regelmäßiger Monatslohnempfänger wird Santiago de Compostela in der letzten Reihe der Prioritäten gesehen. Dennoch, von Zeit zu Zeit, im Laufe etlicher Wanderungen mitten durch das Zentralmassiv Frankreichs kreuzte ich diesen geheimnisvollen Weg vom Heiligen Jakobus, diese Jakobspilgerherbergen, diese Kreuze vom Heiligen Jakobus... Und mein Interesse kam für einige Tage wieder auf...
Eines Sommers, also vor einigen Jahren, bin ich mit meiner Familie mit dem Auto in den Norden Spaniens gereist, um Spanien vom Baskenland bis zur Provinz Galicien zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal gesehen, wo sich die Stadt Santiago de Compostela auf einer Straßenkarte befand. Nachdem wir das Auto geparkt hatten, sind wir in die Stadt aus Stein eingetreten, wie die Spanier Santiago rufen.
Und ich war verblüfft...
Der lange Gang in der Kathedrale aus Granit, ein riesengroßes Schiff, da, ganz am Ende Spaniens, ruhig auf nicht enden wollenden stützenden Pfeilern, die gen Himmel ragen, mit der rustikalen Einfachheit im Inneren der Basilika, die der mit der Pracht der Altstadt selbst im Gegensatz steht. Eine für das Vergnügen unserer Augen aufbewahrte Ewigkeitsinsel.
Schon, auf den selben Fliesen aus Granit, vor eintausend Jahren, saßen Menschen, die dieselben Gewölbe betrachteten. Und alle waren zu Fuß gekommen, als weder Straßen, noch Telefon, noch Züge, noch Versicherungen, noch Sozialversicherung existierten. Einmal dort angekommen, sollten sie dieselbe Strecke in entgegengesetzter Richtung noch einmal gehen. Es waren Herren, Bettler, Schreiber, Ritter, Mönche, Bürger, Könige, ich weiß nicht, wer noch...
Es war vor eintausend Jahren und sie hatten es gemacht...
Wir haben diese Kolonne im Eingangsportal erblickt, dicht gedrängte Pilger, die wie zur Belohnung nach Monaten des Marschierens die Eingangstür aufdrückten, welche den Abdruck von Millionen Händen trägt, eine Stelle, auf der jetzt eine Hand tief in den harten Stein eingraviert ist... Seit mehr als einem Jahrtausend kommen Wanderer aus ganz Europa hierher und bewegen schließlich die berühmte Eingangstür des Ruhmes. Warum? Hier ist die Frage, für die man einen Tag eine Antwort finden müsste... Oder zumindest, versuchen.
Dann, in dieser herrlichen Kathedrale vom Heiligen Jakobus, in diesem Sommer 1986, habe ich mir fest vorgenommen zurückzukehren, aber zu Fuß, ich wollte sagen "wie alle", es schien mir so unpassend und unschicklich zu sein, an einen solchen Ort auf eine andere Art des Fortbewegens zu kommen. Ich schämte mich fast, mit dem Auto hierher gelangt zu sein, während ich jede Minute hier in die Basilika der modernen Pilger, in Jeansstoffe gekleidet und mit Rucksack, den Schweiß auf der Stirn, mit grauem langweiligen T-Shirt sie eintreten sah, die zwischen einhundert und dreitausend Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatten.
Und dann hat das Leben seinen Kurs wieder aufgenommen, Urlaube, Familie, Probleme, Arbeit und Lösungen... Bis ich, in meinem Dreiundvierzigsten Lebensjahr, an einem Herbsttag im Jahre 1992 ein altes Schloss im Herzen der Vendée besuchte, Château de la Grève. Als die Dame, die uns führte eine harmlose Bemerkung einwarf, die aber als der Initialzünder der ganzen Folge nützen sollte: Ein deutscher Ritter, Arnold von Harf, hätte Halt in vorerwähntem Schloß im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts gemacht, ein Spaziergang, der ihn aus Köln, seiner heimatliche Stadt, nach Jerusalem, dann zu dem Heiligen Jakobus geführt hatte und schließlich zum Mont-Saint-Michel. Und dieser fragliche Rheinländer hätte seine Denkschriften, den Führer der Rucksacktouristen dieser Epoche geschrieben, um über seine Reise seinen Zeitgenossen in der Pfalz zu berichten.
Und ich hörte mich die Dame fragen: "Hätten Sie zufällig die bibliografischen Referenzen dieser Arbeit?"
Und die Dame antworte: "Aber Sie haben Glück... Einer der besten Spezialisten der Wallfahrt nach Santiago de Compostela ist der Doktor Jean Fardet, der in Herbarien wohnt und der seine medizinische Doktorarbeit und den größten Teil seiner Freizeit seit Jahren dem Jakobsweg gewidmet hat..."
Er war zu spät... Das schlaue Tier, das die Rucksäcke in den Wandschränken aufrüttelt und die Treter auf den Regalen zappeln lässt, kam sein Gift zu injizieren.
Herbarien, die Hauptstadt der Höhe - in der Knicklandschaft der Vendée, keine 70 Kilometer von meinem Wohnsitz... 70 Kilometer weg von der Versuchung, die aus dem ehrlichen Bürger einen Waldläufer machen...
Am übernächsten Tag ermöglichte ein langes Telefongespräch mit dem Doktor uns, Bekanntschaft zu machen. Etwas später hatte er die Freundlichkeit, mich dem Werk seines Lebens auszusetzen. Er hatte mehrere Male mit seiner Familie bestimmte Abschnitte der Wallfahrt durchschritten, auf verschiedenen Wegen und er war also unbedingt der zu erkennende Mensch, um die Reiseroute zu den besten Bedingungen abzulaufen. Er kannte die "Tricks und hatte die Finesse, die es ermöglicht, in Trockenheit, sauber und billig zu schlafen und günstig weit weg von Touristenzentren zu essen.
Infolge dieser Begegnung habe ich mit Fleiß zahlreiche Arbeiten durchgebüffelt, die die Wege vom Heiligen Jakobus und der antiken Wallfahrt behandelten. Und je mehr ich in meine compostellane Kultur vorankam, desto mehr hatte ich Lust, den Weg zu nehmen. Ich wußte nicht, was ich auf diesem Weg finden wollte, aber ich war sicher, anders zurückzukehren, so wie diese Millionen Leute, dessen Leben früher durch diese Reise umgekrempelt wurde.
Ich bin überrascht worden, wie ich während meiner Vorbereitung der Reise mit reichlich Freundschaft und Komplizen umgeben wurde. Wenn ich vielleicht in der Euphorie der ersten Vorbereitungen allein wesen wäre, hätte ich vielleicht an irgend einem Abend die Entscheidung getroffen es zu lassen, weil das Grau des Alltags die Tendenz hat, die farbenfrohen Träume aufzulösen.
Aber mit den den Kontakten, den Begegnungen mit den Ehemaligen, die die "Reise" gemacht hatten, schwanden meine Zweifel. Alle haben mich ermutigt, als ob sie mir einen kleinen Funken von ihrem Traum und von der Zauberei geben wollten, der sie begegnet waren. Alle haben mir gesagt:
"Gehe, du kennst nicht, was du da finden wirst, aber du wirst als ein anderer zurückkehren".
Dank dieser Hlfe konnte ich die Vorbereitung der Reise und schließlich nach Monaten zwischen Begeisterung und Zweifeln abschließen. Ich bin den Weg gegangen.
Um mit mir während meiner Wanderung diese Sympathie in Erinnerung zu erhalten, habe ich ein "Goldenes Buch" erworben und Eltern und nahe Freunde gebeten, ein paar freundliche Worte hineinzuschreiben, damit ich mit ein wenig ihrer Kraft und ihrem Licht gehe. Manchmal, in Momenten des Zweifels und der Weg kalt und hart zu sein schien, habe ich ihre Ermutigungsnachrichten noch einmal gelesen. Diese paar Wörter haben mir geholfen durchzuhalten. Später werde ich die Leute, denen ich unterwegs begegne ebenfalls um einen freundlichen Eintrag bitten. Dieses Goldene Buch wird das herzlichste Erinnerungsstück meiner Reise sein.

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